Zum Fortschrittsglauben in der Agrarindustrie

Auszüge aus einem Briefwechsel zwischen dem Agraringenieur Frank Menn, ein Vertreter der „modernen Landwirtschaft“ und dem Kritiker jener  Agrarindustrie Prof. Dr. Klaus Hamper aus der Lüneburger Heide:

Mensch, Herr Professor Doktor Hamper,

…  Auf welchem Grundstück steht Ihr Haus? Kann es sein, dass da früher mal Kühe weideten oder Hühner scharrten? Ihr Praxisgebäude? Die Kliniken, in denen Sie gearbeitet und so segensreich Menschen therapiert und Leben verlängert haben? Machen wir alles wieder platt, drehen die Uhren in der Medizin wieder zutück, ohne Antibiotika, ohne mit Gentechnik hergestelltes Insulin, ohne Röntgen, Ultraschall, Organspendeausweise brauchen wir dann auch nicht, ……..

 Damit senken wir gleich auch wieder die Lebenserwartung der Menschen, entschärfen den demographischen Wandel und müssen letztendlich weniger Menschen auf diesem Globus ernähren. Dafür würde dann vielleicht die Landwirtschaft, die Ihnen vorschwebt, ausreichen.

 Seriöse Schätzungen belegen, dass wir bis 2050 die Produktion der Nahrungsmittel verdoppeln müssen! Wie denn, wenn nicht mit moderner Landwirtschaft? Auf immer weniger Fläche? Ja, sie ist segensreich, wenn auch nicht perfekt und vieles kann noch vervessert werden. Aber daran arbeitet die Agrarwissenschaft.

Zitat Kunzmann, (Ethiker, wohlgemerkt!);

 „Wie nirgendwo sonst findet hier eine Abdrängung der Moderne statt. Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Innovation, Präzision – was anderswo (auch in Ihrem Job!) ein positiv belegtes Indiz für Fortschritt ist, wird der Tierhaltung gerne zur Last gelegt. Als Lösung aus dem Dilemma wird die Idyllisierung einer untergegangenen Landwirtschaft angepriesen, die die Probleme der großflächigen Massentierhaltung lösen will durch einen Rückgriff auf eine vermeintlich gute alte Zeit der Tierhaltung, die sie re-etablieren will. “ 

 Ich kenne sie, die untergegangene, gute, alte Zeit der Tierhaltung. Weiß, wie die Tiere seinerzeit gehalten wurden, Deshalb kann ich das Wort „vermeintlich“ nur unterstreichen. Gut, dass sie vorbei ist!

 Frank Menn, Dipl. ing. Agr., Dipl. Wirtsch. ing.

 

 Naja, sehr geehrter Herr Diplom-Agraringenieur Menn,

 haben sie eigentlich mal darüber nachgedacht, warum wir immer mehr Menschen ernähren sollen und deshalb auch müssen? Haben sie eigentlich mal darüber nachgedacht, dass sich die Zahl der Menschen in den letzten hundert Jahren etwa versiebenfacht hat und täglich (!) 200.000 neue dazukommen? Haben sie eigentlich mal darüber nachgedacht, warum der Herbergspapa in der römischen Männerpension und seine Kollegen in Mekka und Medina immer noch davon träumen, dass sich die Menschheit immer weiter vermehren soll? Haben Sie eigentlich mal von dem Schicksal der Rapa Nui auf den Osterinseln gehört? Ostern… Haben sie eigentlich mal darüber nachgedacht, dass die Ressourcen auf diesem Planeten endlich sind? Haben sie eigentlich mal darüber nachgedacht, dass das alles so nicht ad infinitum weitergehen kann?

 Ich fürchte, nein.

 Denn sonst würde Ihnen klar sein, dass auch Ihre „Hochleistungs“-Sauen, -Kühe und –Hühner dieses Problem nicht auf Dauer werden lösen können. Ich habe neulich – ich glaube, in der FAZ – gelesen, dass die Zunft der agrarwissenschaftlichen Dr. Frankensteins allen Ernstes ein Huhn in Vorbereitung hat, das jährlich nicht mehr „nur“ 300, sondern 500 Eier legen soll, ja sogar 1.000 Eier werden für realistisch gehalten (das wären dann drei am Tag!). Das Huhn wird dabei natürlich nicht gefragt, ob es das will. Von den Monsterkühen, die praktisch nur noch aus Euter bestehen und die schon jetzt nur noch zwei bis drei „Laktationsperioden“ (d. h. Lebensjahre) „Nutzungsdauer“ durchstehen, will ich gar nicht reden. Die Hühner werden nach einem Jahr „Nutzungsdauer“ geschlachtet, ihre Kadaver großzügig in Biogasanlagen – zusammen mit Kot und Gülle  – „weiterverwertet“ und die Reste danach auf den Feldern als „Dünger“ ausgebracht. Und dann wundern wir uns tatsächlich noch, wo z. B. der immer mehr zum Problem werdende chronische Botulismus herkommt? Dass Hühner, Schweine und Kühe Lebewesen sind, die empfinden und leiden können und nicht nur Produktionseinheiten, wissen Sie aber schon, oder?

 Dem Inscheniör ist ja bekanntlich nichts zu schwör. Vielleicht träumen Sie ja auch von Tieren, die nur noch in Ihrem Sinne „Sinnvolles“ produzieren und nichts mehr ausscheiden, also weder Urin noch Kot produzieren? Ist das der Grund, warum auch Sie meine – eigentlich sehr ernst gemeinte – Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gülle und Grundwasser ignorieren?

Dieses System, dem Sie so kritiklos das Wort reden, wird bald zusammenkrachen. … Wenn die Badewanne voll ist, läuft sie über. Und wenn zuviel Gülle und Pestizide auf die Felder kommen, haben wir sie im Trinkwasser. Das ist platte Physik. Und die werden Sie als Ingenieur doch studiert haben und verstehen!

Die langfristig gedachten Lösungsansätze für die Ernährung der Menschheit liegen woanders als in der Intensivierung der Fleischproduktion, der Gentechnik oder des Pestizideinsatzes. Das ist natürlich schwer zu akzeptieren, wenn man selbst damit gutes Geld verdient. Und dennoch werden Sie sich an den Gedanken gewöhnen müssen. Die Menschen müssen nicht dreimal am Tag Fleisch und Wurst essen. Schon gar nicht in der minderen Qualität, die die Agrarindustrie liefert. Sie kennen doch die „gute, alte Zeit“, sagen Sie. Da werden Sie doch auch wissen, dass damals, wenn überhaupt, einmal pro Woche Fleisch gegessen wurde, als sogenannter Sonntagsbraten. Und damals gab es so etwas wie Diabetes, Bluthochdruck, Atherosklerose, koronare Herzkrankheit und ähnliche Segnungen des fortschrittlichen Lebens nicht bzw. nur in einem zu vernachlässigenden Maße. Und deshalb brauchte man damals z. B. auch kein gentechnisch produziertes Insulin, um den Diabetes zu behandeln. Merken Sie was?

 Zurück ins Mittelalter will niemand. Aber manchmal innezuhalten und wenigstens ein bisschen über den Wahnsinn des unbedingten und kritiklosen Fortschrittsglaubens und der mit ihm einhergehenden Perversitäten nachzudenken, das würde dem Geist und der Welt gut tun. Vielleicht fangen sie ja demnächst mal damit an.

Prof. Dr. Klaus Hamper

 

 

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4 Antworten zu Zum Fortschrittsglauben in der Agrarindustrie

  1. gabi b schreibt:

    Darf das kopiert und veröffentlicht werden?

  2. Hütestrubbel schreibt:

    Gabi, warum nicht? Die Briefe von Prof. Hamper darf ich ausdrücklich veröffentlichen. Und der Herr Diplom-Agraringenieur wird wohl auch daran interessiert sein, seine Meinung unters Volk zu bringen.

    • gabi b schreibt:

      Ich meine ja, ob ich das kopieren darf von dir und dann veröffentlichen darf 😉

      • Hütestrubbel schreibt:

        Aber Gabi, daß Du da noch fragst…6 Jahre nach Strubbels Ankunft (und unser Treffen in der Heide)… meine Zeitrechnung in Hütehund-Umgebung…

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